Wissen

Zwischen Psyche und Physis: Der feine Grat der somatoformen Erkrankungen

Viele Menschen erleben körperliche Beschwerden, für die keine organische Ursache gefunden werden kann. Dahinter können sogenannte somatoforme Erkrankungen stecken. Diese psychischen Störungen führen zu spürbaren körperlichen Symptomen und können den Alltag erheblich belasten.

Veröffentlicht am 28. November 2025

Junger Mann hält sich den Kopf vor Schmerzen

Was ist eine somatoforme Erkrankung?

Somatoforme Erkrankungen bzw. Störungen sind anhaltende oder wiederkehrende körperliche Beschwerden, für die sich keine ausreichende organische Ursache finden lässt. Sie gelten deshalb als psychische Störungen, die sich in körperlichen Symptomen ausdrücken. Es gibt verschiedene Arten von somatoformen Erkrankungen:

  • Somatisierungsstörung: Vielfältige körperliche Beschwerden in unterschiedlichen Körperregionen, häufig Verdauungsbeschwerden oder Herz-Kreislaufstörungen.
  • Somatoforme Schmerzstörung: Anhaltende Schmerzen in bestimmten Körperregionen, die medizinisch nicht erklärbar sind und trotz Behandlung der vermeintlichen körperlichen Ursache bestehen bleiben.
  • Hypochondrische Störung: Aus Angst vor einer schweren Erkrankung werden selbst geringfügige oder normale körperliche Empfindungen als Hinweis auf eine ernsthafte Krankheit interpretiert, auch, wenn medizinisch keine entsprechende Ursache gefunden wird.
  • Somatoforme autonome Funktionsstörung: Beschwerden an Organen, die vom vegetativen Nervensystem gesteuert werden, z. B. Herz-Kreislauf-, Magen-Darm-, Urogenital- oder Atemtrakt.

Der Zusammenhang zwischen Körper und Psyche

Unser Körper steht in einem engen Wechselspiel mit unserer Psyche: Angst, Stress oder innere Anspannung können körperliche Reaktionen hervorrufen, wie zum Beispiel Herzrasen, Magenbeschwerden oder Schwindel. Umgekehrt können anhaltende körperliche Symptome die psychische Belastung erhöhen, da sie Energie rauben, den Alltag einschränken und wiederum neue Sorgen auslösen. So verstärken sich körperliche und seelische Faktoren gegenseitig.

Bei somatoformen Erkrankungen besteht ebenfalls ein enger Zusammenhang. Es zeigen sich deutliche körperliche Beschwerden, für die trotz umfassender Diagnostik keine ausreichende organische Ursache gefunden wird. Das kann für Betroffene sehr frustrierend sein. Sie fühlen sich häufig unverstanden, suchen viele ärztliche Meinungen und erleben zunehmende Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, in dem sich körperliche Symptome und psychische Belastung gegenseitig verstärken und sogar weitere psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen begünstigen können. 

Ursachen und Risikofaktoren

Es gibt keinen konkreten Auslöser für die Entstehung von somatoformen Erkrankungen. Meist wird von einem Zusammenspiel verschiedener Umstände ausgegangen, bei dem biologische Voraussetzungen, psychologische Prozesse und soziale Erfahrungen gemeinsam das Risiko erhöhen.

Biologische Faktoren 

Zu den biologischen Einflüssen, die somatoforme Störungen begünstigen können, zählen körperliche oder genetische Gegebenheiten, die die Empfindlichkeit des Organismus erhöhen können. Beispielsweise eine vegetative Dysregulation, also eine Überempfindlichkeit des autonomen Nervensystems, kann dazu führen, dass Stress oder innere Anspannung schneller körperliche Symptome auslösen. Auch eine veränderte Schmerzverarbeitung im zentralen Nervensystem spielt eine wichtige Rolle. Manche Menschen reagieren stärker auf Reize, die normalerweise nicht als Schmerz empfunden würden. Dadurch werden Symptome intensiver wahrgenommen und können länger anhalten.

Psychologische Faktoren

Auch verschiedene psychologische Faktoren wie Dauerstress, traumatische Erfahrungen oder bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, wie eine erhöhte Sensibilität oder ausgeprägte Sorgenneigung, können die Entstehung körperlicher Beschwerden begünstigen. Belastende Ereignisse wie Trennungen, Konflikte am Arbeitsplatz oder familiäre Schwierigkeiten können das Nervensystem überfordern und den Körper in dauerhafte Anspannung versetzen. Betroffene entwickeln dann oft einen verstärkten Fokus auf körperliche Empfindungen.

Aber auch die Kindheit ist ein wichtiger Faktor.  Kinder, die gelernt haben, dass Gefühle nicht gezeigt werden dürfen – etwa durch Sätze wie „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ – entwickeln häufig keine gesunde Emotionsregulation. Ebenso kann ein gewaltdominierter Erziehungsstil, bei dem Kinder eher mit körperlichen Beschwerden als mit Angst oder Trauer reagieren dürfen, langfristig die Wahrnehmung des eigenen Körpers beeinflussen. Wenn Zuwendung in der Familie vor allem bei körperlichen Symptomen erfolgte, kann sich zudem unbewusst ein Muster entwickeln, bei dem körperliche Beschwerden zur einzigen Form werden, Bedürfnisse zu äußern. Im Erwachsenenalter können diese früh gelernten Muster dazu führen, dass Belastungen vor allem körperlich wahrgenommen werden, ein typisches Merkmal einer somatoformen Erkrankung.

Soziale Faktoren 

Auch das soziale Umfeld spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung somatoformer Störungen. Familiäre Prägungen, Rollenbilder und der generelle Umgang mit Krankheit beeinflussen, wie Menschen körperliche Signale deuten und welchen Stellenwert Gesundheit im Alltag einnimmt. Frühe Erfahrungen, etwa wenn Eltern oder nahe Angehörige häufig krank waren oder Kinder schon früh Pflege- oder Sorgenverantwortung übernehmen mussten, können die Aufmerksamkeit auf körperliche Symptome verstärken. Zudem können soziale Konflikte, belastende Beziehungen oder mangelnde Unterstützung im Umfeld die Entstehung und Aufrechterhaltung körperlicher Beschwerden begünstigen, da sie Stress verstärken und die Fähigkeit verringern können, mit Belastungen umzugehen.

Zwei Frauen sitzen sich bei der Therapie gegenüber

So äußern sich somatoforme Erkrankungen

Die Symptome somatoformer Erkrankungen können von Person zu Person stark variieren. Oft klingen die Beschwerden von selbst wieder ab, treten jedoch zu einem späteren Zeitpunkt erneut auf oder verändern ihre Form. Typisch ist, dass die geschilderten Symptome im Verlauf wechseln oder nicht eindeutig zu einem medizinischen Krankheitsbild passen. Wichtig ist zu betonen, dass sich Betroffene ihre Schmerzen und Beschwerden nicht einbilden und die Symptome nicht absichtlich hervorrufen. Die Beschwerden sind real und treten auf, obwohl sich keine ausreichende körperliche Ursache finden lässt. Häufige Symptome sind:

  • Schmerzen im Kopf oder Rücken
  • Magen-Darm-Beschwerden 
  • Kurzatmigkeit bis hin zum Gefühl der Luftnot
  • Herzstechen oder –stolpern
  • Brustschmerz
  • Gelenk- und Muskelschmerzen
  • Schluckstörungen

Diagnostik von somatoformen Störungen 

Viele Betroffene haben bereits zahlreiche Arztbesuche hinter sich, bevor sie eine Erklärung für ihre Beschwerden erhalten. Das Tückische an einer somatoformen Erkrankung ist, dass trotz intensiver medizinischer Abklärung keine ausreichende organische Ursache gefunden wird. In der Regel kommen verschiedene diagnostische Verfahren zum Einsatz, wie Laboruntersuchungen, Funktionsdiagnostik, Langzeit- und Ruhe-EKGs oder Sonographie, um körperliche Erkrankungen zuverlässig auszuschließen.

Für die eigentliche Diagnose einer somatoformen Störung reicht jedoch der Ausschluss körperlicher Ursachen allein nicht aus. Entscheidend ist eine sorgfältige Erhebung der Krankengeschichte, die auch frühere Beschwerden, vorliegende Befunde und den zeitlichen Verlauf berücksichtigt. Ebenso wichtig sind Informationen über psychische Belastungen, stressauslösende Situationen, den Umgang mit Symptomen sowie die Auswirkungen auf den Alltag. Erst wenn die Beschwerden über längere Zeit bestehen, medizinisch nicht erklärbar sind und in einem Zusammenhang mit psychischen oder sozialen Belastungen stehen, kann eine somatoforme Störung diagnostiziert werden.

Yoga Asana

Behandlungsmöglichkeiten und hilfreicher Umgang im Alltag

Der Umgang mit somatoformen Beschwerden kann herausfordernd sein. Umso wichtiger ist es, den eigenen Organismus sowohl körperlich als auch seelisch zu unterstützen. Viele Betroffene erleben bereits eine spürbare Entlastung, wenn sie einige einfache, aber wirkungsvolle Strategien in ihren Alltag einbauen. Hilfreich sein können zum Beispiel:

  • Regelmäßige Bewegung, die Verspannungen löst, Stress abbaut und den Körper wieder ins Gleichgewicht bringt.
  • Ausreichend Schlaf und bewusste Pausen, um dem Nervensystem Erholung zu ermöglichen.
  • Entspannungsverfahren wie Atemübungen, progressive Muskelentspannung oder leichte Dehnübungen, die körperliche Anspannung reduzieren.
  • Achtsamkeitsübungen, die helfen, den Fokus weg von den Symptomen und hin zu einem ruhigeren Körpergefühl zu lenken.
  • Soziale Kontakte, die emotionalen Rückhalt bieten und das Gefühl stärken, nicht allein mit den Beschwerden zu sein.

Ein zentraler Punkt ist die Förderung der Selbstwirksamkeit. Alles, was als hilfreich erlebt wird, sollte regelmäßig wiederholt werden. Auf diese Weise kann das Vertrauen in die eigene Belastbarkeit gestärkt werden.

Professionelle Unterstützung

Dennoch kann es sein, dass Betroffene irgendwann an ihre Grenzen stoßen. Wenn die Symptome anhalten oder sich verstärken, kann professionelle Hilfe entscheidend sein. Psychotherapeutische Unterstützung oder spezielle Therapie-Angebote können dabei helfen, die Beschwerden besser zu verstehen, den Teufelskreis von Anspannung und Symptomen zu durchbrechen und langfristige Stabilität aufzubauen. In der Habichtswald Privat-Klinik bieten wir ein ganzheitliches Behandlungskonzept, das psychotherapeutische Verfahren mit medizinischen und körperorientierten Therapien verbindet. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit Ihnen Wege zu finden, die Beschwerden zu lindern, neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln und Schritt für Schritt zu mehr Lebensqualität zurückzufinden.

Kontakt aufnehmen

Bei Fragen oder Anliegen zur Behandlung von somatoformen Erkrankungen in der Habichtswald Privat-Klinik Kassel sind wir gerne für Sie da. Wir freuen uns darauf, Ihnen weiterzuhelfen und von Ihnen zu hören!

Jetzt kontaktieren